Das Geheimnis der Wohnungen aus der Chruschtschow-Ära: Warum man tatsächlich ein Fenster zwischen Küche und Badezimmer einbaute (Unsere Großmutter hat das nicht herausgefunden)

Warum es in alten Wohnungen ein Fenster zwischen Küche und Bad gibt

Viele Eigentümer von Wohnungen, die in den 1960er–1970er Jahren gebaut wurden, entscheiden sich heute dafür, das Fenster zwischen Küche und Bad zu entfernen. In der modernen Wohnraumgestaltung gilt es oft als Relikt vergangener Zeiten und als unnötiges Bauelement.

Trotzdem finden einige Besitzer von sogenannten „Chruschtschow-Wohnungen“ auch heute noch sinnvolle Nutzungsmöglichkeiten für dieses Fenster.

So wird das Fenster beispielsweise durch ein modernes Isolierglas ersetzt und als zusätzliche Belüftungsmöglichkeit genutzt, um Feuchtigkeit zu reduzieren und Wäsche schneller trocknen zu lassen. Andere gestalten daraus eine praktische Nische für Haushaltsutensilien oder setzen dekorative Buntglas-Elemente ein, um dem Raum mehr Charakter zu verleihen.

All das sind durchaus interessante Lösungen – vorausgesetzt, man möchte das Fenster bewusst erhalten.

Warum wir uns gegen das Fenster entschieden haben

Aktuell sanieren wir eine Einzimmerwohnung aus dieser Bauzeit grundlegend. Dabei stand schnell fest: Das Fenster zwischen Bad und Küche wird geschlossen. Der Grund dafür ist einfach.

Für mich persönlich ist dieses Fenster seit jeher ein Symbol für eine alte, nicht modernisierte Wohnung. Die Assoziation ist fest verankert: Fenster zwischen Bad und Küche gleich veralteter Grundriss.

Hinzu kommt ein praktischer Aspekt. Die Küchen in solchen Wohnungen sind extrem klein. In unserer bisherigen Wohnung stand unter dem ehemaligen Fenster ein Kühlschrank, darüber ein Hängeschrank für Küchenutensilien. Hätten wir das Fenster belassen, wäre es vollständig verdeckt gewesen. Deshalb haben wir es zugemauert, verspachtelt und mit Wandpaneelen verkleidet.

Auch in der aktuell renovierten Wohnung planen wir dieselbe Lösung.

Warum haben sowjetische Bauingenieure solche Fenster überhaupt eingebaut?

Diese Frage ließ mir keine Ruhe. Wenn es dieses Fenster gab, musste es doch einen triftigen Grund dafür geben. Bei der Recherche habe ich zahlreiche Fachartikel sowie mehrere Bauvorschriften aus den Jahren 1956, 1958 und 1962 studiert.

Interessanterweise taucht das Fenster weder in Brandschutzvorschriften noch in Regelungen zur Lüftung auf. Damit lassen sich gleich mehrere verbreitete Mythen widerlegen.

Nein, dieses Fenster schützt nicht bei einer Gasexplosion – die Wand ist zu dünn und würde unabhängig vom Fenster einstürzen. Auch die Theorie, das Fenster diene zur Rettung einer bewusstlosen Person im Badezimmer, ist nicht dokumentiert und wirkt in der Praxis wenig realistisch.

Zur Belüftung eignete sich das Fenster ebenfalls nicht, da es in den meisten Fällen nicht geöffnet werden konnte.

Der eigentliche und belegte Grund

Der wahre Hintergrund ist deutlich interessanter. Laut Aussagen von Architekten und historischen Normen ging es vor allem um natürliche Beleuchtung und Hygiene.

In den 1950er- und 1960er-Jahren wurde intensiv gegen Tuberkulose gekämpft. Man wusste bereits, dass sich Bakterien besonders gut in feuchten, dunklen Räumen vermehren. Sonnenlicht hingegen galt als natürliches Mittel zur Desinfektion.

Deshalb sahen die damaligen Bauvorschriften vor, dass alle Wohnräume mit natürlichem Licht versorgt werden müssen. Da Badezimmer oft kein eigenes Außenfenster hatten, ließ man Tageslicht aus der Küche in den Sanitärbereich fallen – durch ein kleines Fenster in der Wand.

Auszug aus den damaligen Anforderungen (vereinfacht):

RaumtypNatürliches Licht erforderlich
WohnräumeJa
KücheJa
Bad/WCJa, falls möglich

So sollte die Luft trockener bleiben und das Risiko von Schimmel und Bakterien reduziert werden.

Warum das Fenster bis heute geblieben ist

Mit der Zeit wurde Tuberkulose medizinisch beherrschbar, doch das Fenster blieb als Standardlösung in typisierten Wohnbauten erhalten. Es wurde zu einem festen Bestandteil dessen, was wir heute als klassische „Chruschtschowka“ kennen.

Als ich diese Erklärung unserer Großmutter erzählte, war sie sichtlich überrascht. Doch es ist die einzige Version, die sich tatsächlich mit Dokumenten belegen lässt. Alles andere sind Vermutungen.

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